FAMILY TIPPS - erziehung - wenn die nerben am boden schleifen: die eskalationsfalle

Wenn die Nerven am Boden schleifen – die Eskalationsfalle 

Häufige, tolerierte Eskalationen im erzieherischen Umfeld bewirken, dass das Kind ein »Aggressions-Potential« erlernt, das es bei nächster Gelegenheit erneut anwendet.

Im Supermarkt: Tommy(6) quengelt sofort los, als seine Mutter vor dem Gummibärchen-Regal nicht augenblicklich einer größeren Anschaffung zustimmt. Mutter ist zwar klar dagegen, stellt aber, wie sie es in letzter Zeit eben oft macht, lieber eine Frage an ihren Sohnemann: »Hast du nicht schon genug von dem Zeug gegessen in den letzten Tagen?« (siehe Lösungsansätze)
Schon kommt es, wie erwartet: »Na geeh biiittää! Warum nicht?«, bettelt der Bub heftig. Tommys Mutter versucht nun, die Sache einfach »abzudrehen« weil sie spürt, dass sie mit Ihrer Frage-Strategie nicht durchgedrungen ist.
Scharf sagt sie deshalb: »Weil ich es sage, deshalb! Und aus!«

Statt einer Antwort lässt der Kleine sich auf den Boden fallen und trommelt das ewige Lied des zornigen Kindes auf den nicht ganz so sauberen Boden zwischen den Regalen. Jetzt gibt es für Mami nur noch einen Weg: Schnell legt sie eine riesige Packung rotes Zeugs in den Wagen! Denn vor einer Minute hat man die »liebste« aller Nachbarinnen erspäht, die wohl gleich um die Ecke just dieses Ganges kommen wird…. Ein peinlicher Auftritt liegt in der Luft!

»Na Gut, aber nur das eine Packerl!“

Wir haben es schon erkannt: Toms Mutter ist geradezu lehrbuchmäßig gleich im »Kombipack« in zwei häufige Erziehungsfallen getappt: Sowohl in die »allseits beliebte« Na-Gut-Falle, als auch in eine Eskalationsfalle.

Die Eskalationsfalle


Letztere ist wohl jene »Standardfalle« im erzieherischen Umgang, mit der wahrscheinlich nachhaltigsten Wirkung für das kindliche Gemüt. Ihre Tücke liegt in der »Magie« des Augenblicks, in dem wir genau dann nachgeben, wenn durch das Ausrasten des geliebten Kindes schon alles »aus dem Ruder« läuft. Und sie führt zu einigen sehr nachhaltigen Lerneffekten…

Ausrasten mit Belohnungsfaktor

Kinder lernen unglaublich schnell, dass ihnen bei beharrlichem Verhalten ein einmal gehegter Wunsch schließlich doch erfüllt wird.
Wenn sie also immer wieder beharrlich betteln, sagen unsere Kids uns damit nicht nur, wie gut sie aufgepasst und gelernt haben, sondern auch, dass Sie ein einmal ausgesprochenes »nein!« und damit überhaupt die Person, die es ausgesprochen hat, absolut nicht mehr ernst nehmen. 

Doch manche Kids gehen mit dem »nicht-mehr-ernst-Nehmen« eben noch weiter: Sie steigern sich in Ihre Rolle des unnachgiebigen Bettlers förmlich hinein und »rasten« schließlich aus. Die Situation eskaliert! 
Tommys Mutter zum Beispiel hat den Wunsch Ihres Jungen schließlich doch erfüllt. Aber genau in dem Moment, als der Bub sein Oscar-reifes Schauspiel als »Tobermann« auf den Boden des Supermarktes getrommelt hat. Dabei hat der Kleine aber seinen Belohnungsfaktor gefunden: »Aah, toll! Ich bin jetzt für mein Ausrasten belohnt worden!«  Es entsteht für das Kind also genau im Augenblick seines Fehlverhaltens ein klarer Moment der Belohnung.

Mit den Augen Ihres Kindes

Aus kindlichem Blickwinkel, ist so nicht bloß ein spontaner Wunsch zur Gänze aufgegangen, es ist auch ganz klar eine Belohnung dafür erfolgt, dass man überhaupt ausgerastet ist! So wird also ein so negatives Verhalten, wie ein Zornausbruch im kindlichen Denken prompt sehr positiv besetzt: »Aha! So geht das! Wenn man tobt, gewinnt man immer. Cool!« Das Kind lernt also, dass das Ausüben von Macht immer von Erfolg gekrönt wird. Mit anderen Worten: Es prägt sich ein, dass ein solches Fehlverhalten gut ist. »Gut«, im Sinne von erfolgreich und damit akzeptabel.

Schnelle Routine

Der Weg zur Daueranwendung ist dann viel kürzer, als wir annehmen: Hatte ein Kind nämlich bloß ein einziges Mal mit seinem »Ausrasten« Erfolg, wird es diesen neu erlernten, lautstarken Trick bald wieder anwenden. Mit typisch kindlicher Handlungsorientierung wird unglaublich rasch auf Routine umgestellt! Und je öfters es gut geht, desto häufiger lassen sie es »krachen«, unsere lieben Kleinen! Punktum! So manchen Elternteil hört man dann klagen: »Mein Kind ist unmöglich! Dauernd rastet es aus, wenn es etwas nicht gleich bekommt!«

Übrigens geht es einem Kind nicht immer nur darum, etwas durchzusetzen, wenn es auszuckt. Sehr oft ist es ein verzweifeltes Buhlen um Aufmerksamkeit. Genau genommen setzt es damit auch bloß etwas durch: Nämlich dass sich die Bezugsperson mit ihm beschäftigt. »Jetzt! Egal wie! Besser negative Aufmerksamkeit, als gar keine…!«

Wenn Eltern eskalieren

Noch weiter öffnet sich die Eskalationsfalle für uns jedoch, wenn wir selbst »eskalieren«, wenn wir also selbst allzu leicht laut werden. Gar toben vielleicht: »Negatives Verhalten oder nicht! Hauptsache, du hörst mir jetzt zu!« Werden sie angebrüllt, geben die meisten Kinder rasch nach. Ihr momentaner Wille ist gebrochen. Es ist ein »Sieg« für den Elternteil oder die jeweilige Bezugsperson.

Aber mit problematischen Folgen: Denn jetzt belohnt das Kind mit seinem Nachgeben während der Eskalation, ein absolutes Fehlverhalten der Eltern. So wird es dann für machen Elternteil zur Routine: »Na gut, dann geht es halt nur mit Anbrüllen! Schreien ist also ein sicheres Erfolgsrezept!« oder: »Mein Kind hört mir ja eh gar nicht zu, wenn ich leise rede. Also, muss ich ja immer laut werden!« Immer öfters geht so die »Falltür« zu einer Eskalationsfalle auf. 

Wer Kinder mit Anbrüllen zum Gehorsam erziehen will,ist wie einer, der sein Auto mit der Hupe zu lenken versucht...

Streit-Thema: „streng sein“…


Kann die ungeliebte »Strenge« eine Lösung für all das sein? Was bedeutet »streng sein« eigentlich? Es bedeutet, für das was man sagt, einfach Verantwortung zu übernehmen: Überlegen Sie sich gut, was sie von Ihrem Kind einfordern wollen. Denken Sie vorher nach, wie das gewünschte Idealverhalten Ihres Kindes momentan auszusehen hat. Und sagen sie erst dann, was sie konkret von Ihrem Kind wollen. Dann aber, einmal gesagt, haben Sie ohne Verlust an Glaubwürdigkeit nur noch eingeschränkte Möglichkeiten des Rückzuges. Es sollte dann eben kein Zurück mehr geben. Übernehmen Sie also Verantwortung für das, was Sie sagen! Aber auch dafür, was sie NICHT sagen...

LÖSUNGSANSÄTZE wider die Eskalation (deeskalieren)

Suchen und finden Sie in Momenten wie diesen Ihre innere Stärke!

Jede Diskussion während eines kindlichen Tobsuchts- Anfalls ist sicher zwecklos. Argumente oder Ermahnungen auch.

Dagegen kann es viel erfolgreicher sein, sehr deutlich gar nicht zu reagieren: „Auf so ein Verhalten reagiere ich sicher nicht, mein Schatz!“ Punktum!

Ruhig bleiben. Nicht hektisch werden! Leise sprechen! Aber kurz und bündig. Flüstertöne vermitteln dem Kind, das Sie zu jeder Zeit die Kontrolle behalten haben.

Vorbeugen ist besser als toben: Tommys Mutter zum Beispiel hätte es dort am Süßigkeiten - Regal wissen müssen: Mein Junge wird wohl bald zu toben beginnen. Ein klein wenig Vorausschau hätte geholfen: „Bevor du jetzt vielleicht auf den Boden fällst oder irgendwie anders tobst. Darauf werde ich sicher nicht reagieren. Außer damit, dass ich das Geschäft verlasse und auf den heutigen Einkauf ganz verzichte!“

Wenn Sie sich wegen möglicher Blamage vor fremden Zeugen Sorge machen: Bedenken Sie, wer Ihr Kind erzieht. Doch sicher nicht die Zuschauer oder Nachbarn im Supermarkt. Sie sind es! Auch noch während des größten Anfalls. Sie geben den Ton an!

Verpacken Sie Ihr »nein!« übrigens bitte nicht in eine Frage. Drehen Sie die Sache nicht einfach ab: »Weil ich es sage, deshalb!«, sondern stellen Sie sie klar: »Ich kaufe heute keine Süßigkeiten mehr! Alles geklärt!« Klipp und klar! Konsequent eben! Oder »streng«…?

Gerhard SPITZER

Pädagogischer Leiter - Verein KiddyCoach
www.kiddycoach.or.at


Beratungen/ Termine/ Anfragen unter +43 1 2760008

Gerhard Spitzer gibt Ratschläge zur richtigen Erziehung und schreibt über die Schwierigkeiten bei der pädagogischen Erziehung unserer Kinder.

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