FAMILY TIPPS - erziehung - eine ohrfeige zur brandverhütung

Eine Ohrfeige zur Brandverhütung

Woher das Volksmärchen von der angeblich „g´sunden Watschn“ kommt, kann wohl niemand mehr so genau sagen. Sicher ist, dass Ohrfeigen und heftigere Züchtigungen bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ein probates Mittel zum Erreichen des „gebotenen Respekts vor Erwachsenen“ waren. Zwar ist es unübersehbar, dass es bei der Jugend an diesem Respekt, genauer der Wertschätzung vor Erwachsenen heute tatsächlich zuweilen fehlt. Mangelnder Respekt ist aber sicher nicht das Ergebnis des mittlerweile selteneren häuslichen Watschenaufkommens. Dem Thema „Wertschätzung“ werde ich mich aber demnächst an diese Stelle speziell widmen.

Die „g´sunde Watschn“ ist also schon ein ganze Weile nicht mehr „gesellschaftsfähig“, gilt als unmodernes Erziehungsmittel. Deshalb gibt wohl kaum ein Elternteil gerne zu, dass zu seinem erzieherischen Repertoire dennoch zuweilen eine „ausrutschende Hand“ gehört. So wie Frau Keller…

Kürzlich bestellt mich die gute Frau zu ihrem, wie sie es ausdrückt, „ständig lügenden“ Sohn, Barnabas, 10 Jahre. „Ich kann ihm nicht mehr vertrauen!“, klagt mir Frau Keller ihr Leid. „Und es macht mich immer wieder wütend, wenn er Ereignisse aus der Schule völlig anders darstellt. Erst vorgestern hat er in der Garderobe gezündelt. Die Lehrerin hat mich deshalb angerufen. Erzählt hat Barni mir aber hinterher ganz etwas Anderes!“
Meine Nachfrage bei Barnabas hat nur Minuten gedauert: „Na ja, immer wenn ich was ehrlich zugebe, wird Mama erst recht wütend und meistens haut sie dann auch gleich her...!“ Ermittlung abgeschlossen!
„Ja“, gibt die auf einmal recht zerknirschte Mutter schließlich zu, „manchmal rutscht mir eben die Hand aus…!“

 „Wie“, frage ich die verunsicherte Mutter, „soll Ihr Sohnemann jemals Lust dazu bekommen, ehrlich zu sein, wenn er andauernd Angst vor einem Schlag ins Gesicht haben muss?“

Lerneffekt – Angsteffekt

Einer der wichtigsten „Jobs“ für uns Eltern ist es, bei unseren Kindern so oft es geht „Lerneffekte“ fürs Leben zu erzielen! Lerneffekte! Nicht Angsteffekte!

Wie wir bei Barnabas gesehen haben, kann der „Angsteffekt“ eigentlich nur negative Auswirkungen haben. Kurzfristige, und leider auch langfristige. Er bringt uns nicht zum Ziel. Er schießt förmlich daran vorbei! Eltern, wie Frau Keller, können mit dieser „hausgemachten“ Angst wahrscheinlich einen ganz kurzfristigen Erfolg in der Handhabung einer Krisensituation verbuchen, doch hat dieser „Sieg“ zwei schlimme Nebeneffekte:

Erstens, kann man durch den Angsteffekt im Nachhinein kaum mehr unterschieden, ob das nun „brave“ Verhalten auf ein „Aha-Erlebnis“, also einen echten Lerneffekt zurückzuführen ist, oder eben nur auf Furcht basiert., vielleicht sogar auf völlig gebrochenem Willen.

Zweitens hat der „Angsteffekt“ fatale Folgen für die Psyche des Kindes und des späteren Erwachsenen. Frau Keller zum Beispiel hat heute vielleicht erreicht, dass Barni zunächst mal kein Feuerzeug mehr angreift. Aus Angst natürlich. Aber das Gefühlsleben des Jungen, seine Psyche also, ist dabei heute wieder völlig „aus dem Lot“!

Immer noch „in“?

Man kann es statistisch schönreden, verharmlosen, oder auch ganz totschweigen... Wie auch immer, Tatsache ist, dass über 50% der Eltern auch heute noch mehr oder weniger regelmäßig zur "g´sundn Watschn" bei ihren Kids greifen. Punktum!

„Äußere Eskalation“ nenne ich es in meinen Büchern.
Sie ist die unmittelbare Erscheinungsform von Kontrollverlust.

Die Vernunft wird auf „standby“ geschaltet und zack: schon ist sie ausgerutscht, dieselbe Hand, die abends zuvor noch das geliebte Kind gestreichelt hat. Gleich im selben „Aufwasch“ ist damit aber leider auch die Kontrolle über die gesamte momentane Situation verloren.

Unmittelbare Folgen

Ohrfeigen und überhaupt Gewalt als Erziehungsmittel zeugen demnach leider überhaupt nicht von momentaner Stärke, sondern, so sehr das manchen auch schmerzen mag, bloß von tiefer Unsicherheit. Dass jedes Kind diese Unsicherheit natürlich sofort spürt, und darauf ebenso unverzüglich mit Ablehnung und Abwehr - wir nennen es dann: mit „schlimm sein“ – reagiert, sollte jedem klar sein. Die unmittelbare Folge einer verabreichten Ohrfeige ist also, dass damit eigentlich das genaue Gegenteil des Erwünschten erreicht wird!

Erzieherisch ist also nach einer bereits erfolgten Ohrfeige eigentlich nichts mehr auszurichten. Lerneffekt weit, weit entfernt. Angsteffekt eröffnet. Misserfolg vom Feisten!

In dieser klaren Erkenntnis steckt eigentlich schon ein erster mächtiger Lösungssatz gegen diese „schlechte Angewohnheit".

Mittelfristige Folgen

Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Schläge das Verhalten von Kindern schon während ihrer Entwicklung negativ beeinflussen. Das merkt man besonders dann, wenn es darum gehen soll, Konflikte untereinander friedlich und vernünftig zu lösen. Wiederholtes geschlagen Werden nimmt Kindern ziemlich bald ihre Lösungskompetenz bei Konflikten mit Ihren Eltern und sogar mit Gleichaltrigen. Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, werden aggressiv, terrorisieren andere häufiger und zeigen dissoziales Verhalten (wahlweise: schlechtes Sozialverhalten). Das kann bis zum sozialen Rückzug führen.

Langfristige Folgen oder „Erlerntes Verhalten“


Auch wenn man allenthalben hört: „Mir hat die g´sunde Watschn nie geschadet…!“, zeigen ehemals geschlagene Kids als Erwachsene ganz besondere Verhaltensmuster: Sie haben Gewalt erlernt. Und sie geben das Erlernte an ihre eigenen Kinder weiter. Sie sind mit handgreiflicher Disziplinierung vertraut und greifen daher in bestimmten Situationen viel leichter auf das "vertraute" Verhalten zurück.

Ehemals Geschlagene zeigen oft zwei ganz typische Verhaltensweisen: Entweder sie sind als spätere Eltern der Meinung, dass das eigene Kind es „viel besser“ haben müsse, und beginnen mit oft kompromisslosem Verhätscheln. Auch das kann übrigens eine ziemlich subtile Form der Gewalt sein.
Oder, wie schon gesagt, sie wenden die in der Kindheit erlernte Methode selbst an, und verlegen sich oft auffallend leichtfertig auf „Handarbeit“.

LÖSUNGSANSÄTZE VOM KiddyCoach


Es hilft Ihnen notfalls sicher, wenn Sie sich im selben Moment klar machen,…
 
…dass eigentlich jede erzieherische Aktion, die mit Angst endet, den Willen Ihres Kindes bricht und damit seine Persönlichkeit arg beschneiden kann.

…dass Sie, sobald Sie als Elternteil handgreiflich werden, bloß das unerwünschte Verhalten bei Ihrem Kind verstärken.
 

dass Sie Ihr Kind viel nachhaltiger positiv steuern können, indem Sie einfach sein sonst gutes Verhalten nicht ignorieren. Werden Kinder nämlich bei positivem Verhalten ignoriert, lernen sie, dass sie nur durch negatives Verhalten auf sich aufmerksam machen können. Nehmen Sie „gut gemachtes“ öfters ehrlich und freudig wahr. Aber Vorsicht vor andauerndem, wortreichem Loben. Bloß mal lieb und anerkennend angeschaut zu werden, kann für Ihr Kind einen viel höheren Grad der Wahrnehmung bedeuten.
 
dass es für Sie noch nicht zu spät ist, auch wenn schon die Hand zum Schlag erhoben sein mag! Halten Sie inne und schließen Sie kurz die Augen. Denken Sie jetzt intensiv an die letzte liebenswerte Situation die Sie gemeinsam mit Ihrem Kind erlebt haben. Kurz durchatmen. Danach finden Sie vielleicht sogar Kraft und Mut, sich zu entschuldigen. Das stärkt beide! Es ist kein Zeichen von Schwäche, wie viele vielleicht glauben! Warten Sie nun auf die nächste entspannte Situation und lösen die Sache erst dann gemeinsam…. Vielleicht, indem Sie einen logischen „Vertrag“ aushandeln?

Gerhard SPITZER

Pädagogischer Leiter - Verein KiddyCoach
www.kiddycoach.or.at


Beratungen/ Termine/ Anfragen unter +43 1 2760008

Gerhard Spitzer gibt Ratschläge zur richtigen Erziehung und schreibt über die Schwierigkeiten bei der pädagogischen Erziehung unserer Kinder.

„Angst vor Schlägen kann uns zwar davon abhalten, etwas Unrechtes zu tun,
aber sie veranlasst uns noch lange nicht, das Rechte zu tun!“

                                                                                                                                   zurück

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